11, 30[1-13] Herbst 1884 - Anfang 1885
30 [1]
Möge Europa bald einen großen Staatsmann hervorbringen, und der, welcher jetzt, in dem kleinlichen Zeitalter plebejischer Kurzsichtigkeit, als “der große Realist” gefeiert wird, klein dastehen.
30 [2]
Zum ersten Theil: meine Werthschätzung in die Logik einführen z. B. Hypothese gegen Sicherheit usw.
30 [3]
Wo darf ich heimisch sein? Darnach suchte ich am längsten, dies Suchen blieb meine stäte Heimsuchung.
Wozu sich in häßliche Sprachen verlieben, weil unsere Mütter sie sprachen? Warum dem Nachbar gram sein, wenn an mir und an meinen Vätern so wenig zu lieben ist!
30 [4]
| 1 | Zarathustra | |
| 2 | der Wahrsager | |
| 3 | der erste König | |
| 4 | der zweite König | |
| 5 | der häßlichste Mensch. | |
| 6 | der Gewissenhafte. | |
| 7 | der gute Europäer | |
| 8 | der freiwillige Bettler. | |
| 9 | der alte Papst | |
| 10 | der schlimme Zauberer. |
30 [5]
Es gereicht einem Zeitalter nicht immer zum Vorwurf, wenn es seinen größten Geist nicht erkennt und für das erstaunlichste Gestirn, das aus seiner eigenen Nacht emporsteigt, kein Auge hat. Vielleicht ist dieser Stern bestimmt, viel ferneren Welten zu leuchten; vielleicht wäre es sogar ein Verhängniß, wenn er zu früh erkannt würde—es könnte sein, daß damit das Zeitalter von seiner Aufgabe weggelockt und dadurch wieder einem kommenden Zeitalter Schaden zufügte: dadurch daß es ihm eine Arbeit übrig ließ, die bereits hätte abgethan sein sollen und welche vielleicht gerade den Kräften dieses kommenden Zeitalters weniger angemessen ist.
30 [6]
Kritik der moralischen
Werthschätzungen.
30 [7]
Aber Zarathustra, ein Wort zu guter Zeit! Du hast mich heute zu deinem Abendmahle eingeladen: ich hoffe, du willst mich nicht mit solchen Reden abspeisen?
ein ganzer Esel voll guten Weins
Hast du keine verborgene Quelle, wo Wein fließt
zwei Lämmer
Wer mit essen will, muß auch Hand anlegen; hier giebt es Lämmer zu schlachten und Feuer zu zünden
wie Wilde im Walde
der Dichter soll uns singen
Die Begrüßungen.
Das Abendmahl.
Der Improvisator.
Die Räthsel der Thiere.
Das Lied des Lachenden.
30 [8]
Der Bezauberer.
Ich bin müde; umsonst suchte ich zeit Lebens einen großen Menschen. Aber es giebt auch keinen Zarathustra mehr.
Ich erkenne dich, sagte Zarathustra ernst, du bist der Bezauberer Aller, aber mich dünkt, du hast dir selber allein den Ekel eingeerntet.
Es ehrt dich, daß du nach Größe strebtest, aber es verräth dich auch: du bist nicht groß.
Wer bist du? sagte er mit entsetzten und feindseligen Blicken, wer darf so zu mir reden?—
Dein böses Gewissen—antwortete Zarathustra und wandte dem Bezauberer den Rücken.
30 [9]
Im Leben todt, ins Glück vergraben,—wer so wie viele Male muß der noch auferstehen!
Oh Glück, ich kam durch Haß und Liebe selber zu meiner Oberfläche: zu lange hieng ich in einer schweren Luft von Haß und Liebe: die schwere Luft trieb und schob mich wie einen Ball
Heiter, wie Einer der seinen Tod voraus genießt.
Steht nicht die Welt eben still? Wie mit dunklen Zweigen und Blättern umwindet mich diese Stille,
Willst du singen, oh meine Seele? Aber das ist die Stunde, wo kein Hirt die Flöte bläst. Mittag schläft auf den Fluren.
die goldene Trauer aller, die zu viel Gutes geschmeckt haben.
Wie lange schlief ich mich aus? Wie viel länger darf ich nun mich auswachen!
30 [10]
Die Nöthigung bei großer Gefahr, sich verständlich zu machen, sei es um sich einander zu helfen oder um sich zu unterwerfen, hat nur vermocht, jene Art Urmenschen einander anzunähern, welche mit ähnlichen Zeichen ähnliche Erlebnisse ausdrücken konnten; waren sie zu verschieden, verstanden sie sich, beim Versuche einer Verständigung durch Zeichen, falsch: so gelang die Annäherung, also endlich die Heerde nicht. Daraus ergiebt sich, daß im Großen und Ganzen die Mittheilbarkeit der Erlebnisse (oder Bedürfnisse oder Erwartungen) eine auswählende, züchtende Gewalt ist: die ähnlicheren Menschen bleiben übrig. Die Nöthigung zu denken, die ganze Bewußtheit, ist erst auf Grund der Nöthigung, sich zu verständigen, hinzugekommen. Erst Zeichen, dann Begriffe, endlich “Vernunft,” im gewöhnlichen Sinn. An sich kann das reichste organische Leben ohne Bewußtsein sein Spiel abspielen: so bald aber sein Dasein an das Mit-Dasein anderer Thiere geknüpft ist, entsteht auch eine Nöthigung zur Bewußtheit. Wie ist diese Bewußtheit möglich? Ich bin fern davon, auf solche Fragen Antworten (d. h. Worte und nicht mehr!) auszudenken; zur rechten Zeit fällt mir der alte Kant ein, welcher einmal sich die Frage stellte: “wie sind synthetische Urtheile a priori möglich?” Er antwortete endlich, mit wunderbarem “deutschem Tiefsinn”: “durch ein Vermögen dazu.”— Wie kommt es doch, daß das Opium schlafen macht? Jener Arzt bei Molière antwortete: es ist dies die vis soporifica. Auch in jener Kantischen Antwort vom “Vermögen” lag Opium, mindestens vis soporifica: wie viele deutsche “Philosophen” sind darüber eingeschlafen!
30 [11]
Wissen und Gewissen.
Von
Friedrich Nietzsche.
30 [12]
Meine Freunde, ihr versteht euren Vortheil nicht: es ist nur Dummheit, wenn höhere Menschen an dieser Zeit leiden: sie haben es nie besser gehabt.
30 [13]
Geburt der Tragödie.
Im Anfang des Jahres 1872 erschien in Deutschland ein Buch, das den befremdlichen Titel führte: “die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik” und nicht bloß durch seinen Titel reichlich Anstoß zu Verwunderung und Neugierde gab. Man erfuhr, daß sein Urheber ein junger Philologe sei, insgleichen daß gegen ihn von Seiten philologischer Handwerker, und vielleicht sogar auf Anregung irgend eines philologischen Schulhauptes und Kuhhirten
— ein unabhängiges selbstgenugsames Buch, dem die Zeichen einer mystischen Seele aufgeschrieben waren, ohne Absicht auf
— voll Jugend und Ungeschick, schwül, übervoll, aussi trop allemand—in dem sich fast entgegengesetzte Begabungen drängten und stießen, auch
— mit einer Geistigkeit, welche auf die Sinne wirkt
— man gesteht sich mit einigem Schauder ein (vorausgesetzt daß man an der Haut empfindlich ist—) daß hier jemand von der unheimlichen Welt der dionysischen Dinge wie aus Erfahrung redet, wie nach großer Nähe und Berührung zurückgekehrt aus dem fremdesten aller Länder, nicht alles sagend, nicht alles verschweigend, unter die Kutte und Kaputze des Gelehrten versteckt und nicht genug versteckt.
und Richard Wagner errieth aus der Tiefe jenes wahrsagerischen Instinktes heraus, der so sehr in Widerspruche zu seiner mangelhaften und zufälligen Bildung stand, daß er jenem verhängnißvollen Menschen begegnet sei, der das Schicksal der deutschen und nicht nur der deutschen Cultur in den Händen habe.
11, 30[1-13] Herbst 1884 - Anfang 1885
30 [1]
Стоит в ближайшее время появиться в Европе великому государственному деятелю – и тот, которого теперь, в мелочную эпоху плебейской недальновидности, чествуют как «великого реалиста», покажется мелким.
30 [2]
К первой части: ввести в логику мои оценки, например гипотезу против уверенности и т.д.
30 [3]
Где я смогу чувствовать себя дома? Очень долго искал я это место, и мои поиски превратились в беспрерывное наказание.
Зачем влюбляться в некрасивые языки только потому, что на них говорили наши матери? Зачем злиться на соседа, если во мне самом и в моих предках так мало достойного любви!
30 [4]
| 1 | Заратустра | |
| 2 | Прорицатель | |
| 3 | Первый король | |
| 4 | Второй король | |
| 5 | Самый безобразный человек. | |
| 6 | Совестливый. | |
| 7 | Добрый европеец | |
| 8 | Добровольный нищий. | |
| 9 | Старый папа | |
| 10 | Плохой чародей. |
30 [5]
Не всегда пристало упрекать эпоху, если она не признаёт своего величайшего ума и не способна увидеть удивительнейшее созвездие, встающее из её собственной ночи. Быть может, этой звезде предназначено светить более отдаленным мирам; быть может, слишком раннее признание было бы даже несчастьем: возможно, эта эпоха была бы тем самым отвлечена от своей задачи и причинила бы грядущей эпохе ущерб — тем, что оставила бы ей работу, которая уже должна была быть выполнена и, может статься, оказалась бы менее подобающей для грядущей эпохи.
30 [6]
Критика моральных
оценок.
30 [7]
Но Заратустра, всякому слову свое время! Ты пригласил меня сегодня к себе на трапезу; надеюсь, ты не намерен кормить меня такими речами?
целый осел, полный доброго вина
Нет ли у тебя тайного источника, откуда течет вино?
два ягненка
Кто хочет есть со мной, тоже должен приложить руку. Нужно заколоть ягнят и развести огонь
как дикарь в лесу
поэт должен спеть нам
Приветствия.
Вечерняя трапеза.
Импровизатор.
Загадки зверей.
Песнь смеющегося.
30 [8]
Колдун.
Я устал; напрасно ищу я всю жизнь великого человека. Но и Заратустры больше нет.
Я узнаю тебя, сказал Заратустра серьезно, ты околдовываешь всех, но мне кажется, ты сам пожинаешь свое отвращение.
Тебе делает честь, что ты стремился к великому, но это и выдает тебя: ты не велик.
— Кто ты? — спросил он, глядя испуганно и враждебно. — Кому позволено так со мной говорить? —
— Твоя нечистая совесть, — ответил Заратустра и повернулся к колдуну спиной.
30 [9]
Мертвый при жизни, погребенный в счастье, — сколько раз должен он восставать!
О счастье, через ненависть и любовь поднялся я к моей поверхности; слишком долго висел я в спертом воздухе ненависти и любви; спертый воздух гнал и толкал меня, словно мяч.
Радостный, как тот, кто заранее наслаждается собственной смертью.
Не замер ли мир? Темными ветвями и листвой обвивает меня эта тишина,
Ты хочешь петь, о душа моя? Но теперь тот час, когда ни один пастух не играет на свирели. Полдень спит в полях.
золотая скорбь всех, кто испытал слишком много добра.
Как долго спал я? Как долго буду я теперь просыпаться?
30 [10]
Необходимость быть понятым в момент большой опасности — чтобы помочь друг другу или подчиниться кому-то — привела к тому, что сближались те виды древних людей, которые могли одинаковыми знаками выражать одинаковые переживания; если же знаки были слишком разными, люди понимали друг друга неверно, и сближения, т.е. в конечном счете образования стада, не получалось. Отсюда вытекает, что в общем и целом сообщаемость переживаний (или потребностей, или ожиданий) — это избирательная, воспитывающая сила: выживают более одинаковые люди. Необходимость мышления, сознательность появились только на основании принуждения к взаимному пониманию. Сначала знаки, затем понятия, наконец «разум» в обычном понимании. Сама по себе богатейшая органическая жизнь может протекать и без сознания, но, поскольку ее бытие связано с бытием других животных, возникает необходимость сознательности. Почему эта сознательность становится возможной? Я далек от мысли придумывать ответы на такие вопросы (т.е. слова и ничего более!); мне вовремя вспомнился старый Кант, который однажды задался вопросом: «почему возможны синтетические суждения a priori?». И в конце концов ответил на него с великолепным немецким глубокомыслием: «благодаря способности к этому». Почему опиум усыпляет? Врач в комедии Мольера отвечает: причиной тому vis soporifica. Вот и в кантовском ответе о «способности» заключен опиум или, по меньшей мере, vis soporifica; скольких немецких «философов» усыпил этот ответ!
30 [11]
Знание и совесть.
Сочинение
Фридриха Ницше.
30 [12]
Друзья мои, вы не понимаете своего преимущества; лишь по глупости страдают высшие люди от этого времени: никогда еще у них не было лучшего.
30 [13]
Рождение трагедии.
В начале 1872 года в Германии появилась книга под странным заглавием «Рождение трагедии из духа музыки»; но не только своим заглавием вызвала она удивление и любопытство. Читатели узнали, что ее автор — молодой филолог, а также о том, что против него со стороны филологов-ремесленников и, быть может, даже по наущению главы какой-нибудь филологической школы и пастыря —
— независимая, самодостаточная книга, отмеченная признаками мистической души, без намерения —
— полная юношеской неловкости, пьянящая, до предела насыщенная, aussi trop allemand — в которой теснились и сталкивались почти противоположные дарования, к тому же —
— отмеченная духовностью, действующей на органы чувств —
— с некоторым содроганием люди признавались себе (если были восприимчивы к этому), что здесь говорит кто-то из зловещего мира дионисийских вещей как бы из опыта, словно вернулся из самой чужеродной страны, после теснейшего соприкосновения с ней, говорит не все и не обо всем умалчивает, скрывшись за рясой и клобуком ученого, и скрывшись недостаточно.
и Рихард Вагнер угадал из глубины вещего инстинкта, так противоречившего его несовершенному и случайному образованию, что встретил того рокового человека, который держит в руках судьбу немецкой и не только немецкой культуры.